Freitag 25. Dezember 2009 | Alex | Hingabe | Kommentare (0)

Auf den zweiten Blick

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Alicia Framis Anti_Dog Performance Madrid 2003

Alicia Framis verpackt ihre Botschaften geschickt

Hamburg: Nkili S. vergewaltigt von einer Gruppe Rechtsradikaler, Berlin: Ausschreitungen bei Nazidemo, Dortmund: Anschlag auf Synagoge. Die Nachrichten informieren jeden Tag über ausländerfeindliche Straftaten. Nein, jede Stunde. Es scheint als herrsche nur noch Ungerechtigkeit auf der Welt. Und wie reagieren wir?

Wir sind übersättigt, geben uns abgestumpft. Anders lässt sich die Flut an schlechten Nachrichten wohl nicht ertragen. Wie schafft man es dennoch gehört zu werden und nicht einfach in den Chören der anderen Kläger unterzugehen? Wie kann man auf soziale Missstände hinweisen ohne den immer gleichen anklagenden Unterton? Die spanische Aktionskünstlerin Alicia Framis weiß wie…

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Alicia Framis Anti_Dog Performance Venice 2002

„Pass auf, diese Gegend ist nicht sicher für Dich!“ Nicht gerade eine herzliche Begrüßung. So hatte sich Alicia Framis ihre neuen Nachbarn in Berlin Marzahn auf jeden Fall nicht vorgestellt. Die dunkelhäutige Künstlerin zog von Barcelona nach Berlin, um neue Inspiration zu finden. Sich frei zu entfalten. Daran konnten sie auch die körperlichen Fesseln, die die Rechtsradikalen ihr durch Einschüchterung an zu legen versuchten nicht hindern. Denn sie lies sich nicht einschüchtern, sondern inspirieren. Die Angst beflügelte sie gerade zu. Die 29-jährige suchte nach einem Weg ihrer Wut Luft zu machen. Das passende Ventil? Ihr bisher spektakulärstes Projekt: Anti_Dog! Insbesondere die Ankündigung, dass die Ausländerfeinde gerne ihre Kampfhunde auf dunkelhäutige Mitbürger hetzen schockierte die junge Spanierin. Die Idee Kleider aus hundebissfestem Stoff anzufertigen war geboren. Dass die Kleider auch schiess- und feuerfest sind, ist nicht überraschend in Zeiten des scheinbar allgegenwärtigen Terrors.

„Wir werden uns nicht stillschweigend in die Opferrolle begeben! Wir werden uns als starke, einzigartige Individuen präsentieren, die die Freiheit haben hinzugehen wo immer sie wollen!“ Das ist die Philosophie hinter Anti_Dog. Das sind die Gedanken, die Alicia Framis antreiben, für die ihr Herz schlägt. Doch was macht Framis Arbeit so besonders? Kritiker werden sagen, dass die Idee nicht wirklich neu ist. Den Kampf gegen den Rassismus haben schon Viele vor ihr aufgenommen. Die Botschaften der spanischen Künstlerin stehen nicht etwa auf Transparenten oder Flugblättern. Sie stehen auf Haute-Couture Kleidern und auf Chanel Kostümen. Die Präsentation der Botschaft ist, was Alicia Framis Art der Rassismusbekämpfung von der ihrer Mitstreiter unterscheidet.

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Alicia Framis Anti_Dog Performance Birmingham 2002

“Beauty beats Violence”, so die Stickerei auf einem ihrer Entwürfe, stellt die luxuriöse Welt der Haute Couture mit der harten Realität des Alltags in Vergleich. Dieses Motto zeigt deutlich wie das Projekt Anti_Dog funktioniert: Mode ist etwas Erfreuliches, weckt positive Assoziationen beim Betrachter. Auch die Entwürfe von Framis sind auf den ersten Blick einfach nur schön, klassisch, scheinbar unverfänglich. So gelingt es der Künstlerin Aufmerksamkeit zu erregen und nicht gleich abzuschrecken. Sätze wie „Geht zurück nach Hause“, „Ausländer unerwünscht“ oder wir „Brauchen euch hier nicht“ sind perfekt in den Faltenwurf der prächtigen Robe integriert. Sie fallen erst beim zweiten Blick ins Auge. Trotzdem verfehlen sie sicher nicht ihre Wirkung. Dafür sorgt Framis. Wer übersieht schon ein Kleid mit 15 Meter langer Schleppe? Noch dazu, vor einem Fußballstadion. Da gucken alle zweimal hin, auch die Hooligans und Skinheads. Die Inszenierung trägt also auch einen Großteil zu der Einzigartigkeit von Framis Arbeiten bei. Durch die direkte Konfrontation mit der Öffentlichkeit beweist Framis, dass ihre Parolen keinen leeren Worthülsen sind. Sie scheut nicht den Konflikt, sie sucht ihn regelrecht. „Auf diese Weise möchte ich auf ein täglich schlimmer werdendes Problem aufmerksam machen. Ich möchte ein Statement setzen, das unsere moderne Lebensweise repräsentiert. Es geht um Charisma, Einzigartigkeit, Mode und Exotismus.“ So erklärt die leidenschaftliche Künstlerin ihre Motivation. Den Willen immer wieder den indirekten Dialog mit Tätern und Opfern zu suchen. Mit Hilfe der Kleider.

In einer ihrer vorherigen Arbeiten behandelte Framis die Vergänglichkeit von zwischenmenschlichen Beziehungen –  ein zeitloses Thema. Aber niemals so brisant wie Rassismus oder Gewalt gegen Frauen. Und gerade für ein so ernstes Thema wählt Framis die Mode als Medium. Die Mode, der all zu oft eine unseriöse Leichtigkeit nachgesagt wird. Eine Leichtigkeit, die Framis Inszenierungen und Werken nicht der Seriösität beraubt, sondern die Menschen erst für ihre Botschaft öffnet. Als Gegenleistung gibt Framis der Modewelt etwas mehr Ernsthaftigkeit. Denn sie nutzt nicht nur Roben, um auf sich aufmerksam zu machen. Sie scheint von der Modewelt fasziniert zu sein. Beschäftigt sich mit den Fabrikarbeitern der Firma ZARA oder der Rolle weiblicher Models im Modezirkus. Indem sie Mode in einem künstlerischen Kontext darstellt, befreit Framis die Mode gleichzeitig von ihrer Schnelllebigkeit. Die Aussagen der Fotografien und Videos der Ausstellung „Secret Actions“ werden auch noch die nächste Saison überdauern. Framis wagt den Spagat, nutzt den Kontrast zwischen Kunst- und Modewelt gekonnt.  Das macht ihre Arbeit ungewohnt erfrischend. Sie war selbst ein Opfer rassistischer Anfeindungen – das macht sie und ihre Arbeit ungewohnt authentisch.


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