Sonntag 1. November 2009 | Alex | Hingabe | Kommentare (0)

Mode ist mehr

Modeistmehr

Liebe ist...Strick

Vanessa Beecroft und „Knitta Please“ sind der beste Beweis

Mode wärmt den Körper, schützt vor neugierigen Blicken, ist Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. Stimmt, aber nicht nur. Als Projektionsfläche für kleine und große Botschaften erfüllt sie mehr als nur ihren bloßen Zweck.

London Piccadilly Circus, 11 Uhr morgens. Alles ist wie immer. Unzählige Autos verstopfen die Straße, dicke Regentropfen fallen vom Himmel, Geschäftsleute und Touristen hetzen über die Gehwege. Sie schauen nicht nach links und nicht nach rechts – nur stur geradeaus.

Haben keinen Blick mehr für ihre Mitmenschen. Sie müssten nur für eine Sekunde nach oben schauen, dann würden sie es sehen. Merken, dass doch nicht alles so ist wie immer: Das Stoppschild an der Ecke Regentstreet ist komplett eingestrickt. Überzogen mit einem rosa-weiß Mützchen. Ein blöder Streich? Nein, hinter der Strickware stecken keine kleinen Schulmädchen. Die Wollinstallation ist das Werk der Strickguerrilla „Knitta Please“. 2005 von vier weiblichen und einer männlichen Strickliesel in Houston gegründet umgarnt die Gruppe die ganze Welt.  Die Mitglieder Notorious K.N.I.T., PolyCotton, Mascunitity und ihre Anhänger umstricken Ampeln, ganze Gebäude und  sogar schon einige Steine der chinesischen Mauer. Ihre „Tags“ sollen graue Fassaden verschönern, Farbe ins triste Stadtbild bringen. Einfach Wärme verbreiten und den  gestressten Städtern vielleicht  ein kleines Lächeln entlocken.

via www.femka.com

Vanessa Beecroft Performance 2002

Während „Knitta Please“ Sehgewohnheiten durchbrechen, indem sie „nackte Gegenstände“ und ganze Gebäude einkleiden, schlägt Aktionskünstlerin Vanessa Beecroft die entgegengesetzte Richtung ein. Sie entkleidet Frauen, lässt ihnen nichts außer Highheels und stellt sie im Museum aus. In ihrem Fall ist es die völlige Nacktheit, der Verzicht auf Bekleidung, der überrascht. Schutzlos sind die 18 bis 35-jährigen Frauen den neugierigen Blicken der Museumsbesucher ausgesetzt. Sie dürfen nicht miteinander sprechen, sich nicht schnell bewegen. Leblose Gegenstände. Sie stehen still bis sie zusammenbrechen. Völlig erschöpft.
Was bezweckt die italienische Künstlerin mit ihren lebenden Installationen? Sie will provozieren, schockieren. Bewusst spielt die 35- jährige mit ihren eigenen Ängsten, den Urängsten jeder Frau. Der Nacktheit. Es ist ein Experiment und auch eine Selbsttherapie. Die Reaktionen der Zuschauer sind das Ergebnis. Diese hält sie mit ihrer Kamera und auf Video fest. Die Fotos und Filme sind das Einzige was nach der Performance bleibt.
Aktionskünster wie „Knitta Please“ und Vanessa Beecroft wissen, dass ihre Kunstwerke nicht für die Ewigkeit sind. Dass sie vergänglich sind. Sie brauchen die Öffentlichkeit um zu funktionieren. Und genau darin liegt der Reiz. In gewöhnlichen Alltagssituationen werden nichtsahnende Passanten plötzlich zu Zuschauern. Sie werden ein Teil der Performance. Für einen kurzen Augenblick gehört die Aufmerksamkeit ganz der Botschaft der Künstler. Nichts anderes zählt. Davon lebt die Aktionskunst: Dem Überraschungseffekt, der Schocksekunde – der Reaktion der Zuschauer.


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